Hausarbeit von Peter Fluhrer zum Thema ‘Pietismus und Vineyard-Vergleich zweier christlicher Erneuerungsbewegungen’. Die Hausarbeit, die am Institut für Kulturwissenschaften an der Uni Hohenheim entstanden ist, untersucht anhand einem phänomenologischen Modell die Elemente einer Bewegung und vergleicht den Pietismus mit seiner ‘Hoffnung auf eine bessere Welt’ mit dem ‘Reich Gottes-Verständnis’ der Vineyard-Bewegung. Download (300 KB) PDF
Aus der Einleitung der Arbeit:
„Persönlichkeiten, nicht Prinzipien bringen die Zeit in Bewegung“, sagte Oscar Wilde einmal. Tatsächlich wird Jesus Christus nicht nur als Bezugspunkt einer neuen Zeitrechnung betrachtet, sondern dieser „Mann aus Nazareth hat seinerzeit eine Bewegung ins Leben gerufen, die allein heute mehr als 2 Milliarden Nachahmer gefunden hat.“ So formuliert es zumindest Martin Bühlmann, Leiter der Vineyard Bern in seinem Buch ‚Bewegung mit Zukunft‘. Fakt ist, dass das Christentum bis heute in Bewegung ist und im Laufe seiner Geschichte immer wieder Erneuerungsbewegungen
erlebt hat. Die Bezeichnung ‚christliche Erneuerungsbewegung‘ wurde sowohl für den deutschen
Pietismus als auch für die amerikanische Vineyard Bewegung gewählt - um den Rahmen abzustecken, innerhalb dessen ein Vergleich überhaupt erst möglich ist. Dieser Rahmen wird durch die Wörter ‚christlich‘, ‚Erneuerung‘ und ‚Bewegung‘
gebildet. Die Bezeichnung ‚christlich‘ steht für eine Abgrenzung gegenüber dem Begriff einer ‚religiösen‘ Bewegung. Sicherlich kann bei einer ‚christlichen‘ Bewegung auch gleichzeitig von einer ‚religiösen‘ Bewegung gesprochen werden, allerdings gilt dies nicht im Umkehrschluss. Differenzierter müsste vom Pietismus als einer christlich-
protestantischen und von der Vineyard Bewegung als einer christlich-konfessionsübergreifenden Bewegung gesprochen werden. Der Begriff ‚Erneuerung‘ bezeichnet die Absicht, den geistlichen Zustand der Kirche durch eine Erneuerung des
geistlichen Lebens der Gläubigen (im Blick auf das Urchristentum) wiederherzustellen und/oder (im Blick auf eine visionäre Zukunft) zu verbessern. Die ersten beiden Begriffe machen deutlich, dass Pietismus und Vineyard ‚geistliche‘ Bewegungen sind. Vor ihrem gesellschaftlichen Hintergrund und mit ihren gesellschaftlichen Auswirkungen
können sie jedoch gleichermaßen als ‚soziale‘ Bewegungen charakterisiert werden. Als ‚Bewegungen‘ sind Pietismus und Vineyard vergleichbar mit anderen sozialen Bewegungen wie der Arbeiterbewegung, der Bauernbewegung oder
der Friedensbewegung. ‚Bewegungen‘ sind „Reaktionen auf bestehende gesellschaftliche Verhältnisse“. Die Komplexität, die daraus resultiert, wird innerhalb der Pietismusforschung deutlich. So gibt es Forscher die provokant die Frage stellen:
„Gab es den deutschen Pietismus?“, um anzudeuten, dass es sich bei dem Phänomen ‚Pietismus‘ um eine „Vielzahl von Reaktionen auf die Entheiligung der Welt“ handelt.
Was diese Arbeit daher nicht leisten kann, ist eine lückenlose Darstellung beider Bewegungen. Den Pietismus beschreiben zu wollen, würde bedeuten, 300 Jahre Geschichte reflektieren zu müssen. Zur Darstellung des Pietismus sei deshalb auf die umfangreiche Literatur verwiesen. Im Gegensatz zur Pietismusforschung ist eine Darstellung der Vineyard Bewegung bisher lediglich aus einer Binnensicht und eine wissenschaftliche Bewegungsforschung ausschließlich zum Zweck einer soziologischen Darstellung für das eigene Bewegungsverständnis unternommen worden. Wie kann auf diesen Grundlagen und im Hinblick auf die gegebene Informationsfülle ein Vergleich angestellt werden?
Zunächst muss der Kernpunkt des Vergleichs festgelegt werden. Was beide Bewegungen in ihrem Kern verbindet, ist die Frage, wie und in welchem Rahmen das Leben als Christ seinen Ausdruck findet. Es geht nicht um dogmatische Lehrfragen, sondern um eine Erneuerung des geistlichen Lebens der Gläubigen. Aus diesem Kern heraus lassen sich drei wesentliche Leitfragen ableiten:
I. Was sind Ursachen und Hintergründe des Erneuerungsgedankens?
II. Was sind Grundlage, Inhalt und Ziel einer Erneuerung?
III. Wie und in welchem Rahmen soll sich Erneuerung vollziehen?
Um sich diesen Leitfragen analytisch zu nähern, kann der historisch-systematischen Grundriss des Politologen Joachim Raschke, der im Jahre 1985 verschieden Aspekte sozialer Bewegungen untersuchte, als grobes Raster für die vorliegende Arbeit teilweise übernommen werden. Raschkes Untersuchung liegt die Überlegung zu Grunde, dass soziale Bewegungen Produkt gesellschaftlicher Widersprüche und Produzent gesellschaftlicher Veränderung sind. Diese Überlegung bildet den analytischen Bezugsrahmen, innerhalb dessen die einzelnen Kategorien ‚Ursachen‘, ‚Ziele‘, ‚Mobilisierung‘, ‚Aktionen‘, ‚Vermittlung‘, ‚Kontrolle‘ und ‚sozialer Wandel‘ untersucht werden. Hinsichtlich der formulierten Fragestellung (s.o.), deren Ziel weniger eine Untersuchung gesellschaftlicher Auswirkungen beider Bewegungen ist, sondern im Wesentlichen Entstehung, Inhalte, Ziele und Verwirklichung einer geistlichen Erneuerung untersuchen will, sind die Kategorien ‚Ursachen‘, ‚Ziele‘, ‚Mobilisierung‘ und ‚Aktion‘ als analytischer Bezugsrahmen zu setzen. Datengrundlage für
eine Betrachtung der Vineyard Bewegung bilden bewegungsinterne Bücher und ein im Juli 2009 durchgeführtes Interview (siehe Anhang) mit Marcus Hausner, Leiter der Vineyard Filstal.
Ziel ist, durch einen Vergleich beider Bewegungen, Prinzipien herauszuarbeiten, die für das Wesen einer christlichen Erneuerungsbewegung konstitutiv sein könnten. Joachim Raschke formuliert es so: „Erst eine Gesellschaft, die in Bewegung ist und die ihre Bewegungen studiert, weiß über sich Bescheid.“ Das wissenschaftliche Interesse dieser Arbeit ist einem deskriptiven Vorgehen, das weder die gesamte Wirklichkeit erfassen, noch normative Gültigkeit beanspruchen kann, verpflichtet. Im ersten Teil werden beide Bewegungen in einem kurzen Überblick vorgestellt. Im zweiten Teil werden die einzelnen Vergleichspunkte skizziert und beide Bewegungen sukzessiv daraufhin analysiert. Diese Analyse bildet die Basis für den eigentlichen Vergleich, der im dritten Teil erfolgt. Vielleicht hat Oscar Wilde recht, als er sagte, dass es Persönlichkeiten und nicht Prinzipien sind, die Zeit in Bewegung bringen. Doch möglicherweise gibt es auch bestimmte Prinzipien, die Menschen zu unterschiedlichen Zeiten immer wieder neu in Bewegung bringen.
Danke, das klingt sehr interessant!
Gleich ausgedruckt - werde es in der nächsten Zeit mir zu Gemüte führen - bin schon sehr gespannt!